Aus Liebe zu den Menschen

Wenn ich einmal nicht mehr bin, sind andere da: Diakonisse Schwester Anni Schamberger wird 100 Jahre alt

Wenn ich einmal nicht mehr bin, sind andere da: Diakonisse Schwester Anni Schamberger wird 100 Jahre alt

Am 30. Juni wird die Augsburger Diakonisse Anni Schamberger 100 Jahre alt. Sie ist die erste Schwester in der fast 162-jährigen Geschichte des Augsburger Mutterhauses, die dieses biblische Alter erreicht. "Wir werden diesen besonderen Geburtstag mit einer Andacht im Kreis der Schwestern, mit Oberin Pfarrerin Christiane Ludwig und weiteren lieben Menschen feiern. Auch der Augsburger Altbürgermeister Theo Gandenheimer hat seinen Besuch angekündigt", erklärt Rektor Heinrich Götz.

Dass Schwester Anni nicht nur ein liebenswürdiger Mensch, sondern auch außerordentlich fit ist, zeigt ein Besuch in ihrem Zimmer im Feierabendmutterhaus des diako: Wieselflink eilt sie auf die Besucher zu, schüttelt die Hand mit festem Druck und blickt mit wachen freundlichen Augen in das Gesicht des Gegenübers.

Sie erzählt aus ihrer Kindheit und Jugend in den 1920er Jahren als sei das erst gestern gewesen: 1917 wurde sie in Rödental-Oeslau als eines von sechs Kindern des Bahnhofsvorstehers geboren - ins Paradies, wie sie selbst sagt. Schwester Anni denkt dankbar an die Gemeinschaft mit ihren Geschwistern, und wie sie mit ihrer Schwester abends vor dem Einschlafen Gedichte aufsagte. Sie kann sie noch heute rezitieren.

Mit 14 Jahren lernte sie Weißnäherin, danach ging sie mit einer Schulkameradin als Haustochter zu Diakonissen in die Gemeinde St. Sebald in Nürnberg. Von dort wechselte sie direkt ins Augsburger Mutterhaus, wo sie mit 21 Jahren eingesegnet wurde - nach der Ausbildung im sogenannten "Lehrzimmer" und zur Krankenschwester. "Der liebe Gott hat es mir ins Herz gelegt", sagt sie als Begründung.

Eine lebenslang erfüllende Aufgabe in der Krankenpflege begann, Schwester Anni arbeitete an Einsatzstellen in Marktredwitz, Feuchtwangen, Erlangen, Passau und natürlich in Augsburg, wo sie die Bombenangriffe auf das Mutterhaus mit etwa 200 Schwestern erlebte. "Wie verschüchterte Hühner hockten wir im Speisesaal und die Oberin hat eine Andacht gehalten", erzählt sie.

Dankesbriefe von Soldaten, die sie im Lazarett pflegte, hat die Diakonisse bis heute aufbewahrt. Dass die Arbeit, teils sieben Tage in der Woche, hart war, will sie nicht bestätigen, wohl aber, dass sie sie glücklich gemacht hat. Dunkle Stunden gab es wie im jedem Leben - zum Beispiel, wenn Angehörige starben - aber Schwester Anni erinnert sich dankbar daran, dass sie dann Hilfe erhielt.

Diakonissen verzichten bewusst auf Vieles: Auf Familie, Karrierewünsche und auf eigenes Einkommen. Reich waren Schwester Annis 100 Jahre dennoch: Reich an Erfahrungen in einem geliebten Beruf, geborgen in einer schützenden Gemeinschaft. Dass sie sich nicht an eine Krankheit erinnern kann, zeigt ihre positive Einstellung dem Leben gegenüber.
 
Sie erinnert sich gerne, wie glücklich sie war, wenn sie als junge Schwester das dunkle Schwesternkleid mit den weißen Tupfen in eine Sporthose stopfte und sich zum Bergwandern aufmachte.

Mit 70 Jahren ging Schwester Anni in den Feierabend, wie der Ruhestand für Diakonissen heißt. Gearbeitet hat sie weiter, wo sie halt gebraucht wurde.
Wie man 100 Jahre alt wird, weiß auch sie nicht. Es hilft wohl, wenn man "mitten im Leben steht und sich über jeden Tag freut, der kommt und an dem man Gottes Gnade spürt". Was sie sich wünscht: "Dass mich der liebe Gott gesund erhält, bis ich die Augen schließe."

Sie freut sich auf die Dank-Andacht zu ihrem Ehrentag, an dem sie auf ein erfülltes Leben zurückblicken kann. "Und wenn ich einmal nicht mehr bin, sind andere da."